Familienrat – pain oder gain?

Kann uns eine Sitzung im Familienkreis einander näher bringen – ohne dass wir dabei komplett die Nerven verlieren? Ein Selbstversuch mit dem Family Roundtable.

Von Nadja Furrer (2024)

Wie gelingt es innerhalb der Familie mehr Verständnis und Unterstützung füreinander zu entwickeln? Vor dem Hintergrund eines Familienrats als Lösungsansatz soll der «Family Roundtable» Familien dabei unterstützen, enger zusammenzurücken und Empathie zu fördern. 

Wir haben fünf Testläufe durchgeführt, die durchwegs positiv aufgenommen wurden. Die Kinder nahmen die Methode als unterhaltsames Spiel wahr und die klare Struktur gewährleistet eine gleichmässige Beteiligung. Es war herausfordernd einen passenden Zeitpunkt zu finden und der kurzen Aufmerksamkeitsspanne unserer Jüngsten gerecht zu werden. 

Nach mehrmaliger Anwendung sind wir davon überzeugt, dass durch den «Family Roundtable» eine tiefere Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern entstehen kann. Gemeinsame Erfahrungen und die Gewissheit, gehört zu werden, stärken den Familienzusammenhalt trotz individueller Interessen und Altersunterschiede.

Wie können wir in unserer Familie mehr Verständnis füreinander entwickeln, damit sich kleine wie grosse Familienmitglieder gehört und unterstützt fühlen?

Ausgangslage

Zwei Geschwister, eine Halbschwester, zwei Elternteile - fünf Individuen zwischen 2 und 38 Jahren mit Interessen von Paw Patrol bis Langlauf-Marathon. Der Alltag ist eingespielt, das Chaos verinnerlicht, es wird gemeinsam gegessen, viel geschwatzt, oft auch laut. Doch wie geht es den anderen, unseren Liebsten, um uns herum wirklich? Welchen der unzähligen täglichen Kritikpunkte sollten wir effektiv angehen? 

Das Konzept einer Familiensitzung, auch bekannt als Familienrat, ist zwar nicht neu, jedoch schien es keine für uns passende Vorlage zu geben. Wir streben nach einem strukturierten und zugleich spielerischen Instrument, das uns dabei unterstützt, näher zusammenzurücken und die gegenseitige Empathie zu fördern. Insbesondere in unserer Patchwork-Situation, in der nicht alle Familienmitglieder gleich eng miteinander verbunden sind oder gleichermassen viel Zeit miteinander verbringen, könnte sich dieses Instrument als besonders hilfreich erweisen.

Vorgehen & Methodenanwendung

Zeitpunkt und Frequenz 
Der Family Roundtable wurde den Familienmitgliedern als Familienspiel angekündigt. Die Idee, jeweils im Voraus einen Termin festzulegen, wurde rasch verworfen. Wir haben den Family Roundtable während der Testphase fünfmal durchgeführt, jeweils im Abstand von etwa zehn Tagen. Den Zeitpunkt haben wir in der Regel recht spontan, vor allem basierend auf der Verfassung der jüngsten Beteiligten, gewählt. 

Vorbereitung und Einstieg 
Durch das Setting mit Kissen am Boden und den ausgelegten Bildkarten waren die Kinder sehr interessiert und fühlten sich wohl. Der Vorschlag einen Family Roundtable durchzuführen, wurde immer mit Begeisterung angenommen. Die 9-Jährige freute sich vor allem ab dem Zeitpunkt darauf, als sie das Protokollieren oder die Moderation übernehmen durfte. 

Die Methode in der Anwendung
Die Beteiligung der Kinder variierte je nach Alter stark. Dem jüngsten (zweijährig) fiel es erwartungsgemäss noch schwer, zu folgen und zu verstehen. Die Dreieinhalbjährige war jedoch bereits sehr interessiert und bemühte sich mitzumachen. So benannte sie z.B. bei der Einstiegsrunde, was sie auf den Bildkarten sieht, oder übernahm ebenfalls das Protokollieren. 

Herausforderungen 
Die Herausforderungen bestanden hauptsächlich in der Wahl passenden Zeitpunkts und der Berücksichtigung der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der jüngsten Familienmitglieder. Während des Tests zeigte sich, dass diese Methode immer als eine Art Prototyp betrachtet werden sollte, der sich flexibel an die Bedürfnisse der Teilnehmenden anpasst. Während der Testphase kam für uns nur die Version «Schnelldurchlauf» in Frage. 

Feedback und Weiterführung 
Nach fünf Durchführungsrunden war sich unsere Familienmitglieder einig, dass das Format auch nach der Testphase weitergeführt werden soll.

Ergebnisse & Reflexion

Die Methode ermöglicht eine Begenung auf Augenhöhe. Die klare Struktur gewährleistet eine gleichberechtigte Beteiligung aller Familienmitglieder. Der Einstieg über die Bildkarten gibt einen Einblick in die aktuelle Situation oder Verfassung jedes Einzelnen. In der Empathierunde stärken sich die Beteiligten gegenseitig. Darüber hinaus führt die Aufgabe, allen Familienmitgliedern einzeln ein Kompliment zu machen, dazu, sich auch zwischen den Family Roundtables bewusster zu werden, was man aneinander schätzt. Störfaktoren gemeinsam anzugehen, schafft eine andere Beziehung, als wenn einzelne Familienmitglieder (Eltern) den Kindern sagen, was sie tun sollen. Nach den bisherigen Erfahrungen bin ich davon überzeugt, dass die Durchführung des Family Roundtable das Verständnis und den Zusammenhalt in unserer Familie fördert.

Das Spielfeld vom Family Roundtable
Das Spielfeld vom Family Roundtable
Family Roundtable im Einsatz
Family Roundtable im Einsatz