Die innere Landkarte - Motive für Veränderungsprozesse sichtbar machen.

Kooperative Prozessgestaltung im Beratungskontext der Arbeitsintegration.

Von Tanja Rüdisühli

Kurt, 56-jährig, hat nach erfolgreicher Karriere seine Stelle verloren. Der Gang zum RAV und nach der Aussteuerung zum Sozialamt ist ihm sehr schwergefallen. Er bemüht sich, ein „guter“ Arbeitsloser zu sein, indem er die Beratungstermine zuverlässig wahrnimmt, sich aktiv bewirbt und an Kursen teilnimmt. Doch meist passt das Beratungsangebot nicht zu seinen Bedürfnissen und Kurt verliert zusehends an Zuversicht und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es ist noch immer keine Stelle in Sicht und sogar die Fachpersonen wirken ratlos. Die Prozessbeteiligten fragen sich, wie sie die Beratung und den Integrationsprozess besser auf die individuelle Situation abstimmen und so zielgerichtet gestalten können. Ausgangspunkt dafür ist eine Standortbestimmung, welche Zielvorstellungen, eigene Ressourcen und die zugrundeliegenden inneren Motive als Motor für den Integrationsprozess von Kurt sichtbar machen. Durch die Visualisierung der inneren Landkarte kann sich Kurt seiner eigenen Ressourcen besser bewusst werden. Die Klärung mit Beratungspersonen sorgt für mehr Transparenz, Orientierung und Verständnis im Prozess.

Wie können Motive sichtbar gemacht werden, sodass diese als Energie in Veränderungsprozessen nutzbar gemacht werden und für eine Zunahme an Selbstwirksamkeitsempfinden sowie Transparenz im Prozess sorgen können?

Ausgangslage

Personen mit erhöhtem Exklusionsrisiko werden im Sozialstaat Schweiz von unterschiedlichen Stellen und Fachpersonen auf dem Weg zum (Wieder-)Einstieg ins Erwerbsleben begleitet. Dabei gilt das sogenannte Aktivierungsparadigma: Personen, die Transfergelder beziehen, sollen möglichst rasch wieder integriert und von den Sozialversicherungen abgelöst werden. Sie müssen ihren Teil zur Integration beitragen (Spannungsfeld zwischen Förder- und Sanktionsorientierung). Viele Massnahmen und Programme sollen dafür sorgen, die Ressourcen erwerbsloser Personen zu erhalten und sie für den Arbeitsmarkt „fit“ zu machen. Standardisierte Programme bergen jedoch das Risiko, zu wenig flexibel auf die individuelle Situation, Bedürfnisse sowie die aktuelle Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes für das Individuum einzugehen.

Vorgehen & Methodenanwendung

Theoretische und empirische Verankerung
Das Methodenprojekt ist im Rahmen der Forschungs- und Praxistätigkeit der Verfasserin, im Kontext der Arbeitsintegration, entstanden. Eine Literaturrecherche bestätigte, dass der Fachdiskurs eine personenzentrierte, individuelle Begleitung von Erwerbslosen fordert. Entsprechende Ansätze und Modelle sind erfolgsversprechend, weil sie Personen wie Kurt ins Zentrum der Unterstützungsbestrebungen stellen und alle Interventionen auf die individuelle Situation in Wechselwirkung mit dem Arbeitsmarkt abstimmen. Als wichtig für den gesamten Integrationsprozess stellten sich aufgrund der Recherche und Workshops mit zentralen Stakeholdern (Kostenträger, Fachpersonen Arbeitsintegration, Nutzerinnen und Nutzer von Arbeitsintegrationsangeboten) folgende handlungsleitenden Werte heraus: Personenzentrierung (Capability Approach; A. Sen), Transparenz über Ziele, Vorgehen, Konsequenzen, Flexibilität im Sinne eines bedarfsgerechten und raschen Anpassens von Interventionen, Strategien und Prozessschritten und Zielorientierung heraus. Interventionen – sollen sie zu einer nachhaltigen Veränderung und Lösung beitragen – müssen immer in den Lebensentwurf des Individuums eingeordnet werden. Die Energie dafür kann nur bei den Nutzenden selbst liegen (generische Prinzipien; G. Schiepek und Motivierende Gesprächsführung; Miller/Rollnick). Interviews mit erwerbslosen Personen in Arbeitsintegrationsprogrammen haben gezeigt, dass diese zusehends an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verlieren, wenn die wiederholte Teilnahme an Programmen nicht zur erhofften Anstellung führt.

Methodenentwicklung und Testing
Aufgrund der Erkenntnisse wurde in Zusammenarbeit mit den wichtigsten Stakeholdern ein Beratungskonzept entwickelt, welches den gesamten Integrationsprozess umfasst und die handlungsleitenden Werte ins Zentrum stellt. Dieses Vorgehen wurde mit Experten der Arbeitsintegration validiert. Als einzelner Prozessschritt ist die Methode „Motiv-Mapping“ entstanden, welche der Verortung und Standortbestimmung im Integrationsprozess dient.

Ziele
Die Nutzenden werden sich der eigenen Ziele, Ressourcen, sowie der Motivation und Hürden für den Veränderungsprozess bewusst und kommunizieren diese auch an die Beratenden. Damit wird eine bessere Abstimmung der individuellen Situation und der Interventionen sowie die Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung (A. Bandura) verfolgt.

Ergebnisse & Reflexion

Ergebnisse

  • Kurt ist sich seiner individuellen Ziele, Ressourcen und Motivationslage bewusster und kann diese verschiedenen Fachpersonen und Anspruchsgruppen kommunizieren.
  • Kurt erfährt Selbstwirksamkeit und fühlt sich gestärkt, da seine Einschätzung als zentrale Grösse im Integrationsprozess berücksichtigt wird.
  • Beratungsfachpersonen können die notwendige Veränderungsmotivation von Kurt besser einschätzen und die gemeinsam gestalteten Interventionen aufgrund der Visualisierung der inneren Landkarte (Motive) besser darauf abstimmen.

Reflexion

  • Die Methode bedeutet für einige Fachpersonen allenfalls eine Veränderung gängiger Praxis.
  • Die Standortbestimmung muss regelmässig wiederholt werden, um die veränderte Motivationslage abzubilden, Zwischenziele/Erreichtes zu reflektieren und den Integrationsprozess gemeinsam anzupassen.
Template Motiv Map
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Kooperative Prozessgestaltung in der Beratung
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Entstehungsprozess
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