Sprechen ohne Schranken

Leitfaden für ein intimes Gespräch, indem sich der Gesprächspartner dank einer vertrauensvollen Umgebung öffnet.

Von David Dudler

Aus eigener Erfahrung und aus Erzählungen aus meinem Umfeld, weiss ich, dass sich die Suche nach psychologischer Hilfe oftmals schwierig gestaltet und gerade in dieser Notsituation grosse Unsicherheiten bestehen. Wen kann ich um Hilfe bitten und wem kann ich mich anvertrauen?
Daraus ist folgende Fragestellung entstanden: Wie kann man jemanden der psychologische Hilfe benötigt bei seiner Suche unterstützen?

Um mir ein konkretes Bild zu verschaffen, versuchte ich über mein persönliches Umfeld herausfinden, was die möglichen Problemfelder in solchen Situationen sein könnten. Wie wird die Suche nach psychologischer Unterstützung erlebt, welche Tools werden genutzt  und welche Schwierigkeiten stellen sich?

Dazu diente mir das Interview als Gesprächsform. Die verschiedenen Feedbacks geben ein Bild des aktuellen Stand über die momentan bestehenden Möglichkeiten und Mittel bei der Suche eines Psychologen und hilft diese zu analysieren, weiterzuentwickeln und hoffentlich zu verbessern.

Wie kann ich betroffene Personen besser kennenlernen und herausfinden, wie sie die Problemstellungen der Suche nach psychologischer Unterstützung erleben?

Ausgangslage

Was ist zu tun wenn der Schuh an einer andere Stelle drückt als am Fuss? Wenn man auf einmal keinen Schrift vor die eigene Haustüre mehr wagt oder einfach der Himmel mehrere Tage rabenschwarz erscheint, obwohl die Sonne scheint?

Wer kann helfen? Wer nicht? Was können Angehörige tun, wenn man es selber nicht merkt, dass Hilfe nötig wäre?

Das Thema ist heikel und verlangt viel Fingerspitzengefühl und Vertrauen. Der Befragte soll sich möglichst wohl fühlen, damit er offen spricht und von seinen persönlichen Erfahrungen erzählt. Die Erfahrung zeigt, dass der Umgang mit solchen Tabu-Themen sehr unterschiedlich ist, deshalb versuchte ich über mein persönliches Umfeld möglichst viele unterschiedlich Betroffene zu befragen.
Meine Herausforderung ist es, ein vertrauenswürdige Setting zu schaffen und durch Interviews eine aussagekräftige Schnittmenge zu erhalten.

Vorgehen & Methodenanwendung

Vorbereitung
Im Vorfeld versendete ich die Anfrage für ein Interview. Die Anfrage enthielt die Fragestellung, Verwendungszweck und Diskretion. Plus das Angebot eines Abendessens während des Gesprächs, als Anreiz und Energiespender für dieses nicht ganz einfach Thema.

Szenario
Der Befragte kommt nach der Arbeit zu mir nach Hause. Die Wohnung ist aufgeräumt und das Licht warm und freundlich. Ich koche und später setzen wir uns ins Wohnzimmer. Die Stühle sind gegenüber platziert. Die Handys sind ausgemacht.
Die meisten Interviews habe ich bewusst in einem ruhigen Ambiente durchgeführt, das heisst bei mir zu Hause. Der Befragte sollte sich wohl und entspannt fühlen. Was es auch tat. Der Befragte hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und war hungrig. Ein Abendessen verschaffte den Befragten zu mehr Energie und erhöhte die Bereitschaft mir möglichst viel und präzise Auskunft über seine Erfahrungen zu erzählen.

Warm up Frage
Meine Warm up Frage hatte sich auf seinen Auslandsaufenthalt bezogen.
Zu Beginn des Abends und während dem Kochen und Essen, diskutierte ich bewusst  über allgemeine Dinge, wie zum Beispiel eine bestimmt Leidenschaft, ein Hobby wie Malen oder Fotografieren. Nach dem Essen habe ich den Übergang zum Interview fliessend gestaltet. Wichtige Informationen bezüglich den aufgezeichneten Daten, Namen und andere persönliche Informationen habe ich vorab, sprich bei der Kontaktaufnahme und Interviewanfrage, schon geklärt und aufgenommen.

Interviewleitfaden
Anhand des Interviewleitfadens denn ich mir eingeprägt habe, tastet ich mich Frage für Frage an die Kernfrage heran.
Das Interview wollte nicht den Verlauf nehmen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich brauchte viel Geduld bis die ersten spannenden Aussagen kamen ohne dabei mein Gegenüber zu forcieren. Dies war der Moment, um mit den 5 Why’s weiter in die Tiefe zu bohren.

5 Why’s
Einer der wichtigsten Methoden die ich bewusst ausgewählt habe und sehr zentral und fokussiert während der Befragung angewendet habe, sind die 5 Why’s.
Diese 5 Why’s waren bedeutend weil ich damit ein tieferes Verständnis zu den verschieden Situationen des Befragten herstellen konnte. Durch die 5 Why’s  wurde es spannend und das Interview erhielt die nötige Tiefe die ich mir gewünscht hatte.

Graphic Recording Sheet
Mit meinem Mentor habe ich vorab eine Zustands-Grafik entwickelt, um den Zeitraum der Suche anhand einer Fieberkurve darzustellen. Die Darstellungsform beinhaltet folgende 3 Parameter: Motivation, Gesundheit und seelischer Zustand. Diese Grafik wurde von mir, gemeinsam mit dem Teilnehmer, während oder nach dem Interview ausgefüllt. Sie soll den emotionalen Zustand während der Suche aufzeigen. Diese Kurven dienten zusätzlich dazu, zu erkennen, ob es unter den Teilnehmern zu Überschneidungen kommt im Bezug auf den Ablauf und Timeline der Suche.
Das Sheet diente auch, während des ausfüllen des Blattes, das Gesagte nochmals zusammen zu reflektieren. 

Skizzen und Notizen
Während des Interviews hab ich immer wieder kleine Skizzen und Notizen gemacht um bei unklaren Aussagen anhand einer kleiner Skizze nachfragen zu können ob die Aussage so gemeint war. Zusätzlich war dies für mich ein gute Gedankenstütze für die Nachbearbeitung.

Ergebnisse & Reflexion

Zentral bei meiner Methode war nicht per se der Ablauf sondern zwei bestimmte Faktoren:
Das Ergebnis der Interviews war immer sehr unterschiedlich. Jede Geschichte war einzigartig. Es gibt kein klassischer Verlauf des Interviews. Selten gab es Überschneidungen von Aussagen der Befragten. Um noch ein breiteres Bild zu erhalten, wäre als nächster Schritt weitere Befragungen zum Beispiel mit betroffenen Angehörigen, Organisationen, Betreuer, Ärzte, ...usw..

Die Interviewenden hatte während der Befragung oftmals gute Ideen und ähnliche Lösungsansatz was sie bei Unterstützung bei der Suche begrüssen würden.

Szenario
Für ein gutes, persönliches und intimes Interview braucht es einen ruhigen Raum und keine Handys. Der Befragt soll sich willkommen fühlen und keinen Hunger haben. Dabei hilft sicherlich eine nicht zu üppige Mahlzeit (Fresskoma) oder ein leichter Snack. Dies lockert die Stimmung und löst gute Laune aus. Optimal Bedingungen schaffen ein gute Basis für ein gehaltvolles Interview. Wichtig scheint mir auch die Platzierung. Ein Befragter hatte sich im Verlauf des Interviews sich auf dem Sofa bequem gemacht. Nach ein paar Minuten bemerkte er selber, dass wir eine zu grosse Distanz zu einander hatten und das Interview kam ins stocken.

Empathie
Wichtig war für mich das Attribut: Geduld. Wenn nicht die spannenden Antworten kommen, einfach ruhig bleiben. Und wenn die spannenden Antworten kommen, mit den 5 Why’s nachdoppeln. Ohne aber dabei zu sehr das Gegenüber zu bedrängen. Die richtige Dosis von zu hören und fragen sind sehr wichtig. Ich würde behaupten: 15% Fragen, 85% zu hören.


Headerbild:  Harli Marten, Unsplash