Ausgangspunkt dieses Settings war die Beobachtung, dass Tod, schwere Krankheit und Schicksalsschläge zwar Teil der organisationalen Realität sind, im Arbeitskontext jedoch häufig tabuisiert oder stark formalisiert werden. Qualitative Recherchen und Interviews mit HR-Verantwortlichen und Mitarbeitenden zeigten ein wiederkehrendes Muster von Unsicherheit, Sprachlosigkeit und Überforderung. Organisationen verfügen über administrative Prozesse, jedoch kaum über Orientierung im menschlichen Umgang mit Verlust. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Unternehmen einen Workshop nicht als ersten oder notwendigen Schritt wahrnehmen.
Vor diesem Hintergrund wählte ich dieses Setting, um zu untersuchen, wie Orientierung auch ohne externe Facilitation geschaffen werden kann. Involviert waren Teilnehmende aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten, die im Rahmen eines Pilot-Workshops gemeinsam an Haltung, Handlungsspielräumen und möglichen Leitlinien arbeiteten. Ziel war es, ein eigenständig nutzbares Orientierungs-Toolkit zu entwickeln und zu erproben, das Organisationen befähigt, empathische Unternehmenskultur in Ausnahmesituationen aktiv zu gestalten.
Wie könnten wir Tod und Verlust in Organisationen enttabuisieren und Teammitglieder befähigen, mutig, empathisch und handlungsfähig zu reagieren oder eben bewusst nicht zu reagieren?
Weitere Fragen waren:
- Wie könnten wir Mitarbeitenden Raum, Zeit und Orientierung geben, um empathisch mit Schicksalsschlägen umzugehen, ohne sie damit zu überfordern?
- Wie könnten wir Organisationen dazu befähigen, Empathie nicht nur zuzulassen, sondern strukturell zu ermöglichen, mit Hilfe von klaren Prozessen und Handlungsspielräumen?
Recherche als Ausgangspunkt
Mein Vorgehen basierte auf einer vorgängigen qualitativen Recherche. In Interviews mit HR-Verantwortlichen und Mitarbeitenden analysierte ich wiederkehrende Unsicherheiten, Spannungsfelder und Leerstellen im organisationalen Umgang mit Tod und Schicksalsschlägen. Die Erkenntnisse zeigten, dass neben formalen Prozessen vor allem Orientierung, Sprache und Handlungssicherheit fehlen. Diese Leerstelle wirkt sich jedoch nicht nur auf direkt betroffene Personen aus, sondern beeinflusst das gesamte Teamgefüge: Unsicherheit und Sprachlosigkeit begünstigen Misstrauen, schwächen das Zugehörigkeitsgefühl und können langfristig zu erhöhter Fluktuation führen. Aus organisationsökonomischer Perspektive ist dieser Faktor daher nicht zu unterschätzen. Damit erhält der Umgang mit solchen Situationen auch eine klare betriebswirtschaftliche Bedeutung.
Entwicklung von Orientierung statt Lösungen
Auf Basis der Recherche entwickelte ich erste Prinzipien, Haltungen und methodische Bausteine. Ziel war es, Orientierung zu ermöglichen, ohne zu normieren, sowie Handlungsspielräume aufzuzeigen, ohne zu überfordern. Der Fokus lag auf Formaten, die Teams auch ohne externe Facilitation eigenständig nutzen können.
Der Workshop als Erfahrungsraum
Der Workshop wurde als bewusst gestalteter Erfahrungsraum konzipiert, in dem die Teilnehmenden in der Rolle eines Teams arbeiteten. Die Methoden wurden aus der Teamlogik heraus angewendet, ohne sie vorgängig als Toolkit zu deklarieren. Im Zentrum stand nicht das Erlernen von Methoden, sondern das gemeinsame Erleben von Orientierung im Umgang mit einem sensiblen Thema. Leitprinzipien waren Freiwilligkeit, Selbstschutz, zeitliche Begrenzung und Kontextsensibilität.
Methodischer Ablauf
Der Prozess begann mit einem nonverbalen Warm-up zur Förderung psychologischer Sicherheit. Es folgte eine kurze thematische Einordnung zu Verlust, Veränderung und Trauer als Orientierungsmodell. Kernstück war die Arbeit mit dem eigens entwickelten Dialog-Kompass, einer dialogischen Weiterentwicklung der Empathy Map. Durch Perspektivenwechsel, Clustering und Verdichtung wurden zentrale Spannungen sichtbar gemacht und während der anschliessendenr Diskussionsrunde in mögliche Handlungsoptionen, Leitlinien oder Rituale übersetzt.
Reflexion und Transfer
Der Workshop endete mit einem klar strukturierten Abschluss und einer angeleiteten Rückführung in den Alltag. Die gewonnenen Erkenntnisse flossen direkt in die Weiterentwicklung eines modularen Orientierungs-Toolkits ein, das Organisationen ermöglicht, empathische Unternehmenskultur auch ohne externe Begleitung aktiv zu gestalten. Ein wertvoller Vorschlag einer Teilnehmerin war, einen freiwilligen jährlichen Workshop für alle Tool-Kit-Käufer anzubieten.
Im Setting ist es gelungen, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem die Teilnehmenden als Team über ein stark tabuisiertes Thema ins Gespräch kommen konnten. Die bewusst gestaltete Atmosphäre, wie gemütliche Räumlichkeiten, gedämpftes Licht und ausgewählte emotional wohltuende Snacks, trug dazu bei, schnell einen sicheren Raum zu etablieren und Hemmschwellen abzubauen. Gleichzeitig zeigte sich kritisch, dass die behagliche Stimmung stellenweise auch eine leicht schläfrige Wirkung hatte und Aufmerksamkeit aktiv gehalten werden musste durch mich als Facilitatorin.
Besonders wirksam war die Kombination aus nonverbalem Einstieg, klaren Leitprinzipien und visuell strukturierten Methoden. Diese förderten Mut zur Empathie und Handlungsfähigkeit, ohne Druck zu erzeugen. Der Dialog-Kompass erwies sich als geeignetes Instrument, um verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen und Spannungen zu benennen, ohne sie aufzulösen oder zu bewerten.
Herausfordernd war die Balance zwischen emotionaler Tiefe und notwendiger Abgrenzung. Als Facilitatorin waren insbesondere Kompetenzen in Prozesshaltung, Selbstregulation, Wahrnehmung von Gruppendynamiken und gezielter Intervention gefragt. Die Reflexion zeigt, dass Raumgestaltung und Atmosphäre zentrale Wirkfaktoren sind, jedoch bewusst austariert werden müssen, um Präsenz und Energie im Prozess zu sichern.
- Tabus rund um Tod und Verlust sitzen bei Menschen und Organisationen tief und lassen sich nicht in wenigen Stunden auflösen. Nachhaltige Wirkung entsteht nur, wenn Führungskräfte und Geschäftsleitung das Thema kontinuierlich weitertragen.
- Als Facilitator:in ist die Balance zwischen Zurückhaltung und Intervention zentral. Besonders in vulnerablen Momenten ist es herausfordernd, nicht zu früh einzugreifen und dennoch Verantwortung und die Führung für den Prozess zu übernehmen.
- Raumgestaltung, Atmosphäre und kleine Interventionen wie Licht, Snacks oder nonverbale Einstiege wirken stark auf Sicherheit und Öffnung der Teilnehmenden, sollten jedoch bewusst austariert werden, um Präsenz und Energie im Prozess zu halten.
Verweise
Trauer- und Veränderungsmodelle:
- Kübler-Ross, Elisabeth (1969). On Death and Dying. New York: Macmillan.
- Kübler-Ross, Elisabeth (1973). Interviews mit Sterbenden. Stuttgart: Kreuz-Vlg
- Sager, Romy (2016). Trauer verstehen. Wege durch Verlust und Abschied. Zürich: Pendo Verlag.
- von Passavant, Christina (2018). Trauer im Arbeitskontext. Herausforderungen für Organisationen und Führung. Bern: Hogrefe Verlag.
- Palliative Care Schweiz (Hrsg.) (2020). Psychosoziale Aspekte von Krankheit, Sterben und Trauer. Bern: Palliative Care Schweiz.
- Careum Hochschule Gesundheit (2021). Umgang mit Belastung, Verlust und Übergängen im professionellen Kontext. Zürich: Careum Verlag.
- FHNW Hochschule für Angewandte Psychologie (2019). Belastung, Resilienz und Führung in Organisationen. Olten: Fachhochschule Nordwestschweiz.
- Masciulli Jung, A., Ischer, M., Haunreiter, K., & Berthod, M.-A. (2022). Trauer in der Arbeitswelt. Leitfaden für Unternehmen.
Methodische Referenzen
- Der Dialog-Kompass basiert auf Prinzipien der Empathy Map
- Michael Lewrick, Patrick Link, Larry Leifer (2020). Das Design Thinking Toolbook. Versus Verlag








