Familienalltag als Gestaltungsraum

Familienritual zur Stärkung von Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein bei Kindern 

Von Alex Robert (2026)

Das Setting beschreibt meine Situation als Vater und Facilitator im Familienalltag mit zwei Kindern im Alter von sieben und zehn Jahren. Im Alltag ist es für Eltern oft schwierig, die Befindlichkeit der Kinder richtig zu deuten und angemessen zu reagieren, besonders bei belastenden Situationen.

Im Familienalltag besteht ein einfaches Wochenritual, das in einem ruhigen Moment mit der ganzen Familie stattfindet. Dabei wird gemeinsam auf die vergangene Woche zurückgeblickt. Das Kind entscheidet selbst, auf welche Momente Bezug genommen wird. Positive Erinnerungen können freiwillig festgehalten werden, ohne Pflicht oder Bewertung.

Der Schuhbarometer ist in dieses Wochenritual eingebettet. Im Alltag dient er als wortlose Handlung beim Heimkommen. Die Platzierung der Schuhe bleibt über die Woche hinweg sichtbar und bildet im Wochenritual die Grundlage für den Rückblick. Der Schuhbarometer schafft Orientierung, ohne Gespräche oder Erklärungen einzufordern.

Als Vater eines Kindes mit ADHS gestalte ich diesen Rahmen bewusst ohne Kontrolle, Therapie oder Bewertung. Ziel ist es, Selbstvertrauen, Alltagsbewältigung sowie Orientierung und Verbindung innerhalb der Familie zu fördern. Das Setting ist persönlich und real.

Wie könnten wir im Familienalltag ein spielerisches Tagesritual gestalten, das wie ein Barometer Handlungen und Herausforderungen im Schulalltag sichtbar macht, Alltagsbewältigung unterstützt ohne Bewertung oder Pathologisierung? 

Vorgehen & Prozess

Ausgangspunkt meines Vorgehens war meine eigene Rolle als Vater im Familienalltag. Durch den täglichen Umgang mit meinen Kindern habe ich ein gutes Gespür dafür entwickelt, was für sie funktioniert und wo es im Alltag schwierig wird. Besonders das Heimkommen nach der Schule und die Zeit danach habe ich bewusst beobachtet, da sich hier viele Spannungen, aber auch Chancen zeigen. Parallel dazu habe ich mich regelmässig mit meiner Frau ausgetauscht, um meine Beobachtungen zu spiegeln und nicht nur aus einer Perspektive zu interpretieren. 
 
Austausch und theoretische Orientierung
In einem Austausch mit Jana wurde ich auf die Theorie der Selbstwirksamkeit aufmerksam gemacht. Dieser Input hat mich stark interessiert und inspiriert. Der Gedanke, dass Selbstvertrauen vor allem durch eigenes Handeln und erlebte Bewältigung entsteht, hat mein Vorgehen bestätigt und in eine klare Richtung gelenkt. 
 
Beobachtung und Schärfung der Fragestellung 
Aus den Alltagsbeobachtungen wurde deutlich, dass Kinder Schwierigkeiten oder Handlungserfahrungen oft nicht von sich aus teilen möchten. Der Versuch, mit Gefühlskarten (https://www.gefuehlsmonster-shop.de/gefuehlsmonster-karten/?p=1) zu arbeiten, zeigte schnell Grenzen. Über Gefühle zu sprechen erwies sich als schwierig, zeitintensiv und im Alltag kaum anschlussfähig. 
Im weiteren Verlauf wurde mir klar, dass der Fokus auf Selbstwirksamkeit hilfreicher ist als eine reine Gefühlsreflexion. Statt der Frage „Wie fühle ich mich?“ rückte die Frage „Ich kann etwas bewirken“ in den Vordergrund. Diese Verschiebung eröffnete einen Zugang zu Alltagserfahrungen, der für Kinder greifbarer ist. 
In Iterationen entwickelte sich daraus eine Fragestellung, die sich bewusst auf Handlung, Orientierung und Beziehung konzentriert, statt auf Gefühle, Erklärung oder Analyse. 
 
Entwicklung im Alltag 
Anstelle eines klassischen Workshops entstand die Methode schrittweise im Alltag. Ich orientierte mich an Prinzipien aus dem partizipativen Design und passte diese vereinfacht an die familiäre Situation an. Die Weiterentwicklung der Methode sowie die Schärfung der Problemstellung entstanden direkt im Tun und im wiederholten Beobachten des Alltags. 
 
Weiterentwicklung 
Die wöchentlichen Rückblicke dienten mir als Reflexionsraum, um zu prüfen, ob das entstandene Ritual Orientierung schafft, Alltagsbewältigung sichtbar macht und die Verbindung innerhalb der Familie stärkt. Die daraus entwickelte How might we Frage bildet die Grundlage für die weitere Ausarbeitung und mögliche Weiterentwicklung der Methode.

Ergebnisse & Reflexion

Gelungen ist vor allem die Reduktion. Das Schuhbarometer wurde von den Kindern schnell verstanden und selbstständig genutzt. Die tägliche Handlung wirkte entlastend, weil sie ohne Sprache, Erklärung oder Bewertung auskam. Besonders positiv war, dass im Wochenritual ausgewählte Momente benannt werden konnten, ohne dass sie erzwungen oder analysiert wurden. Dadurch entstand mehr Offenheit und eine ruhigere Verbindung innerhalb der Familie.

Herausfordernd war es, als Erwachsener nicht einzugreifen, nicht nachzufragen und eigene Deutungen zurückzustellen. Dies erforderte Geduld, Zurückhaltung und Vertrauen in den Prozess. Als Facilitator waren vor allem Beobachtungsgabe, Selbstdisziplin und die Fähigkeit gefragt, Rahmen zu gestalten statt Inhalte zu steuern.

Die Wirkung des Settings zeigte sich darin, dass Alltagserlebnisse sichtbar wurden, ohne sie zu problematisieren. Gleichzeitig blieb offen, dass nicht jede Situation erfasst oder geklärt werden kann. Kritisch reflektiert bleibt, dass das Schuhbarometer keine Lösung für tieferliegende Themen bietet, sondern Orientierung schafft. Gerade diese Begrenzung erwies sich jedoch als Stärke der Methode.

Learnings
  1. Die positive Reaktion meiner Kinder und ihr direktes Feedback zeigten mir, wie wichtig es ist, Neues auszuprobieren und gemeinsam als Familie zu entscheiden, was passt und was nicht.
  2. Nicht Emotionen abzufragen, sondern Handlungen sichtbar zu machen, war ein wichtiger Aha Moment. Daraus liessen sich Emotionen später ableiten, ohne sie direkt benennen zu müssen.
Ablaufskizze des Wochenrituals
Ablaufskizze des Wochenrituals
Wochenritual am Morgen, gemeinsamer Rückblick auf die Woche
Wochenritual am Morgen, gemeinsamer Rückblick auf die Woche

Verweise

  • Gefühlsmonster Karten. Kartenset zur Emotionsbenennung bei Kindern. Online verfügbar unter: www.gefuehlsmonster-shop.de (Zugriff: 03.11.2025).
  • Bennett, Laura (2024). ADHS Erziehungsratgeber für Jungen. Praxisorientierter Ansatz zu Selbstvertrauen, Wachstumsdenken und Alltag mit ADHS.
  • Gendron, Alice (2015). ADHD Guide. Tipps und Tricks, die dein Leben leichter machen.
  • Bandura, Albert (1997). Self Efficacy: The Exercise of Control. New York: W. H. Freeman.
  • Hulik, Jana (2024). Stärkung der Selbstwirksamkeit als Mittel zur psychischen Stabilisierung. Bachelorarbeit, ZHAW Soziale Arbeit.