Der klassische Online-Journalismus, der sich auf SEO-Traffic verlassen kann, verliert immer mehr an Bedeutung. KI in Suchmaschinen und als alltägliche Ressource für Leserinnen und Leser führen zu immer weniger Klicks auf einzelne Artikel. Der Beobachter setzt daher auf interaktive Tools (Rechner, Tests), die einen einzigartigen Mehrwert bieten und so die Bindung zur Leserschaft fördern. Die Auswertung der Statistik von 2025 zeigt: In Artikel integrierte Tools wie der «Alimentenrechner» generieren signifikant mehr Abos und erhöhen die Verweildauer massiv über den Benchmark. Ziel ist es, die Redaktion zu befähigen, solche Formate und Tools mithilfe von KI effizient selbst zu entwickeln. Ich will nicht nur ein technisches Problem lösen, sondern auch gleich ein kulturelles Momentum nutzen: Die Angst vor Reichweitenverlust wird durch KI-Experimente in eine schöpferische Energie umgewandelt.
Wie könnten wir es für unsere Schreibenden so einfach und inspirierend wie möglich machen, über den reinen Text hinauszudenken und wertvolle interaktive Erlebnisse zu schaffen?
Sich auf Transformation einzulassen und Neues auszuprobieren: Für viele Journalistinnen und Journalisten nicht einfach, denn für Experimente bleibt oft keine Zeit. Eine Herausforderung, der ich mich gerne gestellt habe. In einem möglichst kurzen Workshop wollte ich mit einer kleinen Gruppe, die Artikelideen oder ‑konzepte mitgebracht hat, weg vom Mindset des reinen «Informationen-Lieferns», hin zum etablierten «Service-Partner».
Spielend einsteigen
Journalistinnen und Journalisten bringt man nicht so einfach aus dem Arbeitsalltag in einen Meetingraum. Ich habe mich deshalb für ein kompaktes, zweistündiges Sprint-Format entschieden. KI-Tools sind vielen bereits als mögliche Hilfe bekannt, eine grosse Sorge bleibt aber bestehen: KI halluziniert und «lügt» manchmal. Um das direkt zu konfrontieren, habe ich den Workshop direkt mit einem Spiel von «Zwei Wahrheiten, eine KI-Lüge» gestartet. Indem die Teilnehmenden die KI absichtlich zum Halluzinieren (Lügen) zwangen, konnten sie direkt eine Hemmschwelle überwinden.
Von der Idee zum Prototype
Im Kern des Sprints nutzte ich die «Crazy-8s-Methode», um den journalistischen Fokus von der Textebene auf die Interaktionsebene zu lenken. In acht Minuten skizzierten die Teilnehmenden acht verschiedene Wege, wie Leserinnen und Leser mit einem Thema interagieren könnten.
Die grösste Hürde – die logische Strukturierung dieser Tools – löste ich durch den Einsatz eines massgeschneiderten «Riddle-Spezialisten» in Gemini. Damit konnten innert Sekunden Entscheidungsbäume und Quiz-Fragen generiert werden, für die man manuell Stunden benötigt hätte. Damit verkürzte ich den Prozess von der Idee zum Prototyping massiv.
Ich, die Brückenbauerin
Als Facilitatorin agierte ich hier als Brückenbauerin. Ich habe nicht nur eine Methode moderiert, sondern ein neues Mindset vermittelt: KI ist das Werkzeug, das uns die Zeit zurückgibt, um wieder echtes Service-Design für unsere Leserschaft zu betreiben.
Der Workshop bewies: KI senkt die Hürde für komplexe Logiken wie Entscheidungsbäume drastisch. Trotz massiver technischer Herausforderungen – der Ausfall des Google Workspaces und Probleme mit den Miro-Log-ins am Workshop-Tag – gelang die Durchführung. Als Facilitatorin war hier radikale Flexibilität gefragt: Spontan verlegte ich den Prompt-Austausch und die Ideensammlung in einen Slack-Gruppenchat. Diese pragmatische Lösung unterstrich meine Rolle als lösungsorientierte Ermöglicherin und sicherte den Workshop-Fluss. Ausserdem konnte ich so die psychologische Sicherheit während des Technik-Ausfalls halten. Der Prozess – nicht die Tools – blieb während des gesamten Workshops die höchste Priorität.
Das Warm-up hat seinen Zweck erfüllt und löste bei den Teilnehmenden sogleich Lust auf das Experimentieren aus. Einige Ideen aus der Crazy-8s-Methode werden nun weiterentwickelt, um der Leserschaft mehr Interaktionsmöglichkeiten zu bieten. Ausserdem stehen weitere Workshops an, die den Austausch und die Experimentierfreudigkeit fördern sollen.
- Tool-Agnostik: Facilitation muss unabhängig von spezifischen Tools funktionieren. Flexibilität und ein Repertoire an Alternativen sind ein Muss.
- KI als Barrierebrecher: Die grösste Hemmschwelle für interaktive Tools ist nicht die Idee, sondern die Logik-Struktur. KI löst dieses zeitaufwendige Problem in einem Bruchteil der Zeit.
- Daten als Motivator: Die Akzeptanz für neue Workflows und Methoden in der Redaktion steigt massiv, wenn der Erfolg (Verweildauer/Abos) durch klare Performance-Daten belegt ist.
Verweise
- Knapp, Jake; Zeratsky, John; Kowitz, Braden (2016): Sprint. How to Solve Big Problems and Test New Ideas in Just Five Days. Simon & Schuster. (Grundlage für die Crazy 8s-Methodik).
- Google Ventures (o.D.): Design Sprint Method: Crazy 8s. Online verfügbar unter: https://www.gv.com/sprint/
- Berger, Lena (2025): Auswertung Beobachter-Tools 2025. Interne Datenanalyse.
- Eftimie, Irina (2025): Der Beobachter-Riddle-Spezialist. Technischer System-Prompt zur KI-gestützten Konzeption und Umsetzung von interaktiven Inhalten für Riddle.com. Unveröffentlichtes Arbeitsmaterial, Zürich: Ringier AG / ZHdK.
- Eftimie, Irina (2025): AI-Icebreaker – Zwei Wahrheiten, eine KI-Lüge. Anleitung und System-Prompts zur spielerischen Vermittlung von KI-Kompetenz. Unveröffentlichtes Arbeitsmaterial, Zürich: Ringier AG / ZHdK.






