Selbstbestimmte Lebensgestaltung im Alter

Partizipativer Prozess für die Zukunftsgestaltung

Von Lukas Bosshard (2026)

Die Generation meiner Eltern hat sich durch die Individualisierung ihrer Lebensumstände grosse Freiheiten geschaffen. Gerade im Alter bringt diese Unabhängigkeit jedoch auch Herausforderungen mit sich. Die gesellschaftlich hochrelevante Frage nach dem Leben und Wohnen im Alter habe ich für meine Projektarbeit auf den konkreten Kontext meiner Eltern zugeschnitten. 

Ihren abgeschiedenen Bauernhof haben sie über die Jahrzehnte hinweg gestaltet und zu einer wahren Oase der Biodiversität entwickelt. Mit diesem «Paradies» sind zahlreiche persönliche Erfahrungen, Erlebnisse und Erinnerungen verbunden. Allerdings ist der Aufwand für die Bewirtschaftung des Hofes sowie für Haus und Garten für meine Eltern zu gross geworden. Die Frage nach der selbstbestimmten Gestaltung ihres nächsten Lebensabschnitts steht im Raum und beschäftigt sie intensiv. Sorge um eingeschränkte Mobilität und soziale Vereinsamung tauchen auf am Horizont der Herausforderungen. Meine Intervention soll mehr Klarheit über die künftigen Bedürfnisse schaffen, um daraus in einem zweiten Schritt Gestaltungsoptionen zu entwickeln.

Wie könnten wir als Familie gemeinsam Zukünfte gestalten, in denen unsere Eltern ihren letzten Lebensabschnitt in Resonanz mit ihrer Umwelt und in Beziehung mit ihren Mitmenschen leben können?

Vorgehen & Prozess

Problem Statement
Im Dialog mit meinen Eltern habe ich in mehreren Iterationen ein geschärftes Problem Statement als Grundlage für einen kurzen Film zur Ausgangslage erarbeitet.

Strukturierung des Partizipationsprozesses
Mittels einer Partizipationsmatrix habe ich Transparenz darüber geschaffen, welche Akteur:innen in welcher Phase des Prozesses welche Rolle einnehmen sollten. Als Facilitator habe ich den Prozess strukturiert und die Interventionen entwickelt, die Entscheidungen über Vorgehen, Tempo und Teilnehmer:innen-Auswahl jedoch stets gemeinsam mit meinen Eltern getroffen.

Individuelle Vorbereitung
Durch bewusst gewählte Aufgaben für die Auseinandersetzung mit ihren aktuellen und künftigen Bedürfnissen und Wünschen konnten sich meine Eltern gezielt auf den Workshop vorbereiten. Beispielsweise bauten sie sich ein «Rad der Bedürfnisse» um ihre individuellen Perspektiven und Erwartungen abzubilden. Die Präsentation der Ergebnisse diente als Grundlage für die spätere Arbeit an der User Journey. Die heterogene Gruppe aus Eltern, Geschwistern, Expert:innen und Mitgliedern der Peer-Gruppe wurde durch gezielte, individuelle Information auf das Thema eingestimmt.

Workshop I: Problemraum
Nach der Erläuterung der Ausgangslage und des Vorgehens habe ich die Gruppe unmittelbar in eine interaktive Sequenz geführt. Ein dynamisches Warm-Up mit einem Objekt, zu welchem die Teilnehmer:innen alternative Nutzungen erfinden mussten, gefolgt von einer «Zeitreise», auf der von einer imaginierten Zukunft des Hofes berichtet wurde, mündete in meiner Methode «Brücke in die Zukunft». Jetzt hatte ich die Mitwirkenden im gewünschten Modus des Zukunftsdenkens. In zwei Gruppen wurden entlang einer User Journey («Ein zukünftiger Tag im Leben von... ») getrennt für meine Mutter und meinen Vater zukünftige Bedürfnisse, Herausforderungen und Chancen identifiziert und zu neuen How-Might-We-Fragen verdichtet. Mit dem Verfassen einer fiktiven, wertschätzenden Botschaft der Eltern aus deren Zukunft ist die Gruppe in die Gegenwart zurückgekehrt und fand der Workshop seinen Abschluss.

Ausblick
Die überarbeiteten How-Might-We-Fragen bilden die Grundlage für einen weiteren Workshop zur Entwicklung von Gestaltungsoptionen, die den identifizierten Bedürfnissen gerecht werden sollen.

Ergebnisse & Reflexion

Mit den Ergebnissen sind meine Eltern und ich sehr zufrieden. Die Öffnung des Gesprächs durch familienexterne Personen mit mehr Distanz zur Situation war hilfreich und mutig zugleich. Die Erforschung persönlicher und künftiger Bedürfnisse meiner Eltern hat eine belastbare Grundlage für die Ideenentwicklung geschaffen, aber auch einen neuen Reflexionsprozess und damit neue Unsicherheiten ausgelöst.

Mit dem Workshop ist es mir gelungen, eine offene Atmosphäre des tiefgreifenden Austausches und der aktiven Kollaboration zu schaffen. Die Teilnehmer:innen fühlten sich sicher und konnten sich gut einbringen. Diesen Erfolg führe ich auf die sorgfältige Vorbereitung der Mitwirkenden – insbesondere meiner Eltern – und die passende Gestaltung der Workshop-Sequenz zurück. Die «Brücke in die Zukunft» hat erstaunlich gut funktioniert, die Teilnehmer:innen ins Zukunftsdenken zu führen. Trotz der ungewohnten Aufgabenstellung zeigten die Mitwirkenden eine bemerkenswerte Offenheit und liessen sich ohne Vorbehalte auf das Rollenspiel ein.

Zwei Gruppen zu bilden, die getrennt mit meiner Mutter, respektive meinem Vater arbeiteten, war ein gelungenes Setup: So wurden die unterschiedlichen Bedürfnisse unabhängig voneinander ergründet und dargestellt. Die Moderation in zwei Räumen auf verschiedenen Geschossen war allerdings anspruchsvoll.

Dank einer klaren, selbstgestalteten Vorlage für die User Journey, konnte die Zeit im Workshop effektiv für die inhaltliche Erarbeitung genutzt werden. In einer der beiden Gruppen hätte ich als Facilitator mehr Führung übernehmen sollen, um den Teilnehmenden zu helfen, hinter den expliziten auch die impliziten Bedürfnisse herauszuschälen.

Learnings
  1. Die Arbeit mit einer Partizipations-Matrix war für mich eine grosse Entdeckung. Ich war es gewohnt, mir eingehende Gedanken zur Passung der Teilnehmer:innen für die kollaborative Erarbeitung spezifischer Themen zu machen. Neu war für mich jedoch, mir über die Phasen des Designprozesses hinweg systematisch Klarheit über den Grad der Involvierung, die Tiefe der Partizipation sowie die daraus resultierenden Rollen der Akteur:innen zu verschaffen. Das hat sowohl für mich als Facilitator als auch für die Mitwirkenden im Designprozess sehr viel Transparenz und Orientierung geschaffen. Insbesondere in meiner Doppelrolle als Familienmitglied und Facilitator hat mir dieses Werkzeug geholfen, meine Rollen klar zu definieren und unterstützend einzusetzen.
  2. Der Kurzfilm über die Ausgangslage und das Problem Statement hat nicht nur bei der Produktion viel Spass gemacht, sondern erwies sich auch als hervorragendes Mittel, meine Mitstudierenden zu informieren, Mitwirkende für den Designprozess zu gewinnen und sie auf das Thema einzustimmen.

Verweise