Speak-Up zwischen Nähe & Integrität

Ein Methoden-Toolkit für Cockpit und Cabin Crew, um Speak-Up, Grenzkommunikation und Zivilcourage in realitätsnahen Micro-Szenen zu üben und zu verankern. 

Von Sanaz Wasser (2026)

Der Flugalltag ist ein High-Risk-Umfeld: Menschen arbeiten unter Zeitdruck, klaren Hierarchien und permanenter öffentlicher Sichtbarkeit zusammen. In diesem Kontext entstehen nicht nur Spannungen, sondern auch Vorfälle mit hoher emotionaler und wirtschaftlicher Relevanz – von subtilen Grenzverletzungen bis hin zu Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen. Diese beginnen oft als Mikro-Situationen wie Schweigen trotz Unbehagen oder unklare Rollen. Werden sie nicht adressiert, können sie eskalieren und Menschen wie auch Organisationen nachhaltig schädigen. 

Obwohl das Crew Resource Management (CRM) regulatorisch verankert ist, zeigt sich seine Wirksamkeit erst im gelebten Mindset aller Mitarbeitenden. Speak-Up ist dabei kein Regelwerk, sondern eine Kultur: die Fähigkeit, Risiken wahrzunehmen, anzusprechen und zu melden – auch über Hierarchien hinweg. Ziel dieses Settings war es, Speak-Up als erlebbare und trainierbare Kompetenz zu stärken. Dafür wurde ein im Vorfeld erarbeitetes Methoden-Toolkit «Der Wertekompass» in einem dreistündigen Workshop mit neun Teilnehmenden aus Cockpit, Cabin Crew und HR angewendet. Zwei von drei Methoden (Mutmomente und Mini-Lab «Grenzen setzen») wurden prototypisiert; die Methode «Mutmomente» wird in dieser Arbeit vertieft beschrieben. 

Wie könnten wir in hierarchischen Hochrisiko-Systemen eine Speak-Up-Kultur stärken, die Mitarbeitende befähigt, Grenzverletzungen, Machtmissbrauch und Übergriffe frühzeitig wahrzunehmen, anzusprechen und zu melden? 

Vorgehen & Prozess

Ausgangspunkt und Orientierung 
Das Vorgehen folgte einem iterativen, praxisnahen Designprozess für Hochrisiko-Umfelder. Ausgangspunkt waren Interviews, Beobachtungen und Erfahrungswissen aus dem Flugalltag: Zeitdruck, klare Hierarchien, wechselnde Teams, Non-Human Akteure (Substanzen, Fatigue, Sensory Input) und begrenzte Beziehungstiefe. Daraus wurden zentrale Designprinzipien abgeleitet: Niedrigschwelligkeit, emotionale Sicherheit, Anonymität, Wiederholbarkeit und unmittelbare Alltagstauglichkeit. 

Konzeption und methodische Auswahl 
Auf dieser Basis wurde ein dreiteiliges Methoden-Toolkit konzipiert. Ziel war es, Speak-Up nicht nur kognitiv zu vermitteln, sondern als erfahrbare und trainierbare Kompetenz aufzubauen. Die Methoden wurden entlang eines Spannungsbogens entwickelt: Mut sichtbar machen, Grenzkommunikation praktisch üben und Speak-Up im Alltag verankern. 

Prototyping im realen Setting 
In einem dreistündigen Workshop mit neun Teilnehmenden aus Cockpit, Cabin Crew und HR wurden die ersten beiden Methoden prototypisiert. Methode 1 (Mutmomente) senkte Hemmschwellen, indem individuelle Mutressourcen sichtbar und resonanzfähig gemacht wurden. Methode 2 (Mini-Lab «Grenzen setzen») trainierte Grenzkommunikation anhand realer Mikro-Situationen aus Büroalltag, Layover und Flugbetrieb. Kurze Inputs wechselten sich mit intensiven Übungs- und Reflexionsphasen ab. 

Transfer und konzeptionelle Verankerung 
Als drittes Element (Methode 3) wurde das Two-Brave-Buddy-System konzipiert, jedoch nicht getestet. Es dient als Transfermechanismus: Zwei Personen unterstützen sich im Arbeitsalltag gegenseitig dabei, Speak-Up wahrzunehmen und durchzuhalten. Das System ist bewusst einfach und freiwillig gestaltet, um auch in wechselnden Crews wirksam zu sein. 

Ergebnisse & Reflexion

Das Setting erwies sich als wirkungsvoll, um Speak-Up emotional zugänglich und konkret erfahrbar zu machen. Besonders prägend war die Arbeit mit Resonanz in Methode 1 («Mutmomente»), die im Folgenden vertieft beschrieben wird: Die wertschätzende Aussensicht machte individuelle Mutmomente sichtbar und stärkte das Vertrauen in das eigene Handeln. Teilnehmende erlebten, dass ihr Verhalten von anderen als mutig eingeordnet wurde – dies senkte Scham, förderte Selbstwirksamkeit und erweiterte den Handlungsspielraum. Methode 2 («Mini-Lab Grenzen testen») ermöglichte einen Perspektivenwechsel zwischen Rollen und Erfahrungsräumen und vertiefte das gegenseitige Verständnis. Grenzkommunikation wurde in realitätsnahen Mikro-Situationen geübt und als handhabbar erlebt.  

Als Facilitatorin waren Präsenz, klare Struktur, sprachliche Präzision sowie das Halten emotional sensibler Momente zentral. Die Wirkung zeigte sich in erhöhter Handlungssicherheit und einer gestiegenen Bereitschaft, Grenzverletzungen wahrzunehmen und anzusprechen. Kurz reflektiert bleibt, dass nachhaltige Wirkung durch regelmässige Trainings und organisationale Anschlussformate weiter gestärkt werden kann. Die nachfolgende Methodenbeschreibung fokussiert auf Methode 1 («Mutmomente») und zeigt, wie Resonanz als Wirkmechanismus gezielt gestaltet und im Workshop eingesetzt wurde. 

Learnings
  1. Speak-Up wird wahrscheinlicher, wenn Mut zuerst sichtbar wird. Resonanz normalisiert Unsicherheit, senkt Scham und öffnet den Raum für verantwortungsvolles Handeln. 
  2. Grenzen setzen ist weniger eine Frage von Mut als von Training. Unterschiedliche Rollen und Erfahrungen prägen Kommunikationsstile – gezielte Micro-Übungen machen diese Vielfalt nutzbar und stärken Handlungssicherheit. 
  3. Strukturen setzen Grenzen, doch Beziehung schafft Handlungsspielraum. Zivilcourage wird alltagstauglich, wenn Verantwortung geteilt wird und der individuelle Wertekompass im Team Resonanz findet. 
Mit wachem Scharfsinn die Scherben komplexer Situationen ordnen, kuratieren und verbinden.
Mit wachem Scharfsinn die Scherben komplexer Situationen ordnen, kuratieren und verbinden.
Interviews, Beobachtungen und Erfahrungswissen aus dem Flugalltag sammeln.
Interviews, Beobachtungen und Erfahrungswissen aus dem Flugalltag sammeln.
Konzeption und methodische Auswahl auf Basis eines dreiteiligen Methoden-Toolkits.
Konzeption und methodische Auswahl auf Basis eines dreiteiligen Methoden-Toolkits.

Verweise

  • Edmondson, A. (2019). The Fearless Organization. Wiley. 
  • Reason, J. (1997). Managing the Risks of Organizational Accidents. 
  • Salas, E. et al. (2006). Crew Resource Management: Past, Present, and Future. 
  • Konzepte zu Peer Support und Buddy Systems in Hochrisiko-Organisationen (Luftfahrt, Gesundheitswesen).